In den Herbstferien merkt mein sechsjähriger Sohn, dass wir ihm noch ein Handy schulden. Also flanieren wir beide durch die Online-Shops. Ich komme dabei zu einer neuen Sicht der Dinge.
Gegen seine Logik hatte ich keine Chance, also musste ich aufs Vergessen setzen: „Was ist das Coolste an Deinem ersten Schulranzen?“, fragte ich meinen sechsjährigen Sohn kurz vor seiner Einschulung im September. „Es hat ein Handyfach.“ Warum ist das so cool? „Weil ich da ein Handy reinstecken kann.“ Aber die sind doch in der Schule gar nicht erlaubt. „Und warum ist dann ein Handyfach im Schulranzen? Außerdem hat mir Mama versprochen, dass ich eins bekomme, wenn ich Schulkind bin.“ Ich war dagegen. Also setzte ich auf die Zeit.
Sechs Wochen lang schien dieser Plan aufzugehen. Dann kommen die Herbstferien, die Kinder lungern daheim herum, besuchen mich ständig in meinem Büro im Keller. „Was machst Du gerade?“, fragt mich der Sechsjährige bei einem Spontanbesuch. „Ich überlege, was ich zum Thema Handy schreibe.“ Handy, Handy. Pause. Handy! „Ich kriege doch noch eins!“, fällt ihm ein. Ich Amateur.
Also werfe ich die Suchmaschine an. Ergebnis Nummer 1: das Carephone. Mit drei Direktwahltasten, automatischer Anrufannahme, 80 Gramm Gewicht, bis zu zwei Stunden Gesprächs-, sogar 250 Stunden Standby-Zeit. Preis:um die 100 Euro. Ein Gerät, praktisch für Kinder und Senioren. „Aber damit kann ich nur telefonieren“, kommentiert er und fügt hinzu: „Damit rufe ich Dich an, um zu fragen, ob ich ein neues Handy bekomme.“
Nächster Versuch: Das Asmetronic iBaby A88 für etwa 70 Euro. Das soll mit jeder SIM-Karte funktionieren, verfügt über vier Kurzwahlbuttons und eine Notfalltaste – dabei ruft das Handy die vier Nummern hintereinander an, bis einer rangeht. „Schon cooler als das erste.“ Eltern bestimmen zudem, welche Nummern SMS dorthin schicken dürfen. Und, die Agenten unter den Eltern bekommen jetzt feuchte Hände: Das Handy ist ort- und abhörbar. „Das finde ich gut. So kann ich nicht verloren gehen. Aber der rosa Rahmen ist nicht so cool.“
Also surfe ich zu Toggo Mobile, finde dort: Das HTC Wildfire S, angepriesen als „Multimedia-Smartphone mit 5 Megapixel-Kamera“, „Kamera? Wie cool!“. Kosten: etwa 150 Euro. Dazu MP3-Player, Radio, WLAN, Bluetooth, Android-Betriebssytem, damit Anbindung an die Unendlichkeit des googleschen App-Markts. „Da lade ich Whatsapp runter, wie Mama. Ich schreibe euch dann, wo ich bin. Und ihr holt mich ab.“ Zu einem Fazit kommen wir nicht, der Nachbarsjunge ist da. Beide rennen raus.
Während sie spielen, denke ich nach. Seniorenhandy oder Smartphone? Für was bräuchte ein Sechsjähriger wirklich ein Handy? Aus Sicherheitsgründen – kein Argument für ein Standrandviertel von München. Aus Überwachungsgründen – ich vertraue ihm. Seine Schule ist zudem drei Busstationen entfernt. Ein Smartphone wäre lediglich ein weiterer Bildschirm. Und davon haben wir genug. Gegen diese Logik hat er keine Chance.


Ein toll geschriebener Blogeintrag!